Auftaktveranstaltung
zur Europäischen Akademie Brandenburg
Mit
einem Stargast, dem ehemaligen polnischen Ministerpräsidenten
Tadeusz Mazowiecki, eröffneten die Berlin-Brandenburgische Auslandsgesellschaft
(BBAG) und der WeltTrends e.V. am 18. September 2004 die Europäische
Akademie Brandenburg.
Mit dem Beitritt der zehn Neuen ist die EU-Erweiterung keineswegs
abgeschlossen, betonte Jochen Bethkenhagen vom Ministerium der
Justiz und für Europaangelegenheiten des Landes Brandenburg
in seinem Grußwort zur Auftaktveranstaltung. Die Unkorrektheit
im Titel „Europa nach der Erweiterung“ fand ihren Widerhall
auch im Vortrag Raimund Krämers von der Universität Potsdam.
Er wies auf die häufige Gleichsetzung der Europäischen Union
mit „Europa“ hin und fragte provokant, ob der Westen veröstlicht
oder der Osten verwestlicht werde. Ein Paradoxon europäischer
Politik sei es, dass mit zunehmendem Erfolg auch die Probleme
wachsen. Wichtig sei die Suche nach dem „Kitt“ im Miteinander
und einer gemeinsamen Identität.
Udo Steinbach vom Hamburger Orient-Institut plädierte in einem
engagierten Vortrag für die Aufnahme von Beitrittsverhandlungen
mit der Türkei. Seine Argumentation war letztlich stärker als
der Vorbehalt, man könne das Land nicht über Jahre hinhalten:
Eine Absage an Verhandlungen bedrohe die fragilen Fortschritte,
die in der Türkei seit ein paar Jahren erreicht wurden. Habe
sie lange lediglich einen Pfeiler in Europa, aber keinen in
der islamischen Welt gehabt, so bilde die Türkei heute tatsächlich
eine Brücke. Eine Konsolidierung könnte sie zum Modell für den
gesamten Nahen Osten machen. Steinbach gab zu, dass die Aussicht
auf eine Erweiterung um die Türkei die Europäische Union grundsätzlich
verändern würde.
Tadeusz Mazowiecki sprach sich gegen einen türkischen Beitritt
aus. Am Modellfall Türkei stellte er die Frage, wer eigentlich
für Europa spreche. Dieser Prozess habe auf amerikanischen Druck
hin begonnen. Europa müsse aber Verantwortung übernehmen. Der
Regierungschef a.D. bezweifelte, dass die Union bereit ist für
eine solche Verantwortung. Er kritisierte, dass nach einem möglichen
türkischen Beitritt öfter gefragt werde als nach einer Erweiterung
um die Ukraine und Weißrussland. Vor allem ersterer solle zur
Stärkung der demokratischen Kräfte eine Perspektive geboten
werden. Eine demokratische Ukraine sein eine Bedingung für ein
demokratisches Russland. Dessen Bedeutung unterstrich Mazowiecki,
wies aber gleichzeitig auf imperiale und undemokratische Tendenzen
hin. Für eine stärkere eurasische Integration gebe es derzeit
keine Perspektive.
Das
sah Jochen Franzke von der Universität Potsdam ähnlich. Zwar
gehörten die EU und Russland einem geopolitischen Raum an, seit
der Aufklärung seien die historischen Geschwindigkeiten jedoch
andere gewesen, so dass die Auffassungen zum Freiheitsverständnis,
zur Rolle von Staat und Individuum und zu den Menschenrechten
differierten. Das Land habe seinen Abschied von der Sowjetunion
und deren Größe noch nicht verkraftet, die politische Größe
des „Koloss’ auf tönernen Füßen“ sei ökonomisch nicht gedeckt.
Eine Alternative zur Putinschen Autokratie fehle derzeit aber.
Franzke mahnte die Etablierung einer gemeinsamen europäischen
Russland-Politik unter Einbezug der neuen EU-Mitglieder an.
Auch Mazowiecki forderte eine stärkere Einbeziehung Polens,
das Markt und Menschen in Russland besser kenne. Westeuropäischen
Illusionen könne so vorgebeugt werden. In der Geschichte sei
Russland-Politik immer über die Köpfe der Polen hinweg gemacht
worden, was sie stets in Gefahr brachte. Einer Stärkung bedürfe
auch das derzeit besonders von Frankreich unterschätzte Weimarer
Dreieck.
Nicht ausgeklammert bleiben konnte das gestörte deutsch-polnische
Verhältnis. Zwar sei die Reaktion des Sejm auf die Aktivitäten
der Vertriebenen in Deutschland unproportional, so Mazowiecki,
dennoch müsse man sie zu verstehen versuchen. Alle ernstzunehmenden
politischen Kräfte in Deutschland wie Polen müssten sämtliche
Forderungen nach Entschädigung zurückweisen. Ein gutes Verhältnis
sei „leichter zu zerstören als zu bauen“, und Unstimmigkeiten
zwischen Deutschland und Polen würden schließlich auch den Beziehungen
innerhalb der EU schaden. Jaroslav Šonka von der Europäischen
Akademie Berlin griff die Thematik des deutsch-polnischen Dialogs
auf und schloss schließlich den Bogen zur bereits getroffenen
Feststellung, dass einer „guten Bürokratie“ durchaus eine wichtige
Rolle zukomme, für Šonka die des Dieners des Bürgers. Sie seien
die „Quelle der Macht“, nicht die Nationalstaaten und deren
abstrakte Souveränität. Seine Botschaft, dem Bürger müsse ganz
konkret und vor Ort der Nutzen europäischer Integration aufgezeigt
werden, belegte er eindrucksvoll mit Beispielen aus der europäischen
Provinz.
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